200 Mrd. Euro Leistungsbilanzüberschuss: Ist Deutschland eigentlich blöd?





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Die deutsche Wirtschaft bricht alle Rekorde

200 Mrd. Euro Leistungsbilanzüberschuss: Ist Deutschland eigentlich blöd?

Die deutsche Wirtschaft bricht alle Rekorde: Für 2013 wird erstmals ein Leistungsbilanzüberschuss von mehr als 200 Mrd. Euro erwartet. Das ist mehr als Länder wie China oder Saudi-Arabien erzielen werden. Politiker und viele Ökonomen feiern den Exportboom als Symbol der Stärke. In anderem Licht betrachtet ist er eine Maßzahl für dumme Gier.

Die Leistungsbilanz einer Volkswirtschaft ist mitnichten nur eine Kennziffer für Ökonomen: Sie bestimmt ganz wesentlich die wirtschaftlichen Alltagsbedingungen von deutschen Privathaushalten bzw. spiegelt diese betreffende Entwicklungen wider. Wenn die Preise schneller steigen als die Löhne - so wie in Deutschland geschehen - hat das auch mit der Leistungsbilanz zu tun.

Wenn die Exporte die Importe deutlich übersteigen

Die Leistungsbilanz setzt sich aus mehreren Komponenten zusammen. Die für Deutschland mit großem Abstand wichtigste ist die Handelsbilanz: Die deutsche Wirtschaft exportiert sehr viel mehr Güter in andere Länder als umgekehrt aus dem Ausland importiert werden. Das führt zu einem Überschuss in der Handelsbilanz, der durch die anderen Komponenten (Dienstleistungsbilanz usw.) nicht annähernd ausgeglichen wird.

Das Resultat: Das ifo-Institut erwartet für das laufende Jahr 2013 einen deutschen Leistungsbilanzüberschuss von mehr als 200 Mrd. Euro. Schon im vergangenen Jahr lag der Überschuss deutlich über dem von China und Saudi-Arabien: Zwei Länder, deren Wirtschaftsmodell aus unterschiedlichen Gründen (billige Massenproduktion und Ölexporte) auf Ungleichgewichte im Handel ausgelegt ist.

Target2: Deutschland finanziert seine Handelsüberschüsse selbst

Erwirtschaftet eine Volkswirtschaft Handelsüberschüsse baut sie Forderungen gegen das Ausland auf. Die deutschen Handelsüberschüsse der 1950er Jahre beispielsweise wurden zum Aufbau der deutschen Goldreserven genutzt. Gegenwärtig werden die Überschüsse aber nicht mit Goldreserven oder harter Fremdwährung ausgeglichen. Stattdessen schreiben viele Empfänger der deutschen Exporte bei der Deutschen Bundesbank an wie auf einem Bierdeckel.

Die "Deckel" der anderen Länder, unter denen sich vorwiegend Euro-Krisenländer befinden, spiegeln sich in den so genannten Target2-Salden der Deutschen Bundesbank wider. Nationale Notenbanken anderer Länder wie Griechenland, Italien, Spanien oder Frankreich haben Schulden bei der Deutschen Bundesbank, die auch aus den Handelsüberschüssen resultieren. Mitte 2012 lag der Target2-Saldo bei rund 750 Mrd. Euro (!): So viel Geld schuldeten andere Notenbanken der Bundesbank.

Bundesbank droht Zahlungsausfall

Es ist absehbar, dass die Schuldner die Verbindlichkeiten nicht vollständig werden decken können. Doch was bedeutet das? Die Exporteure sitzen nicht auf unbezahlten Rechnungen: Ihre Forderungen wurden durch Bankkredite gedeckt, die Importeure im Ausland aufgenommen haben und die über Umwegen im Target2-Saldo gelandet sind. Muss die Bundesbank einen wesentlichen Teil dieser Forderungen abschreiben, hat die deutsche Volkswirtschaft als ganzes die Handelsüberschüsse ohne Gegenleistung erbracht.

Erbringt eine Volkswirtschaft als ganzes Lasten, wirkt sich das auf die wirtschaftliche Situation der Bevölkerung sehr direkt aus. Bildlich gesprochen werden Exportüberschüsse im Wert von 200 Mrd. Euro „im Meer versenkt“. Die Ressourcen, die für die versenkten Leistungen eingesetzt wurden (Arbeitskraft, Energie, Maschinen, Boden usw.) sind für die Bevölkerung dadurch verloren. Das führt zu höheren Preisen und niedrigeren Löhnen als nötig. Zu niedrige Löhne wiederum sind selbst ursächlich für die Handelsüberschüsse: Deutsche Konsumenten können nicht so viele Importe bezahlen, wie es durch die Exporte eigentlich gerechtfertigt wäre.

Ist der Euro an allem schuld?

Leistungsbilanzüberschüsse mit all ihren negativen Konsequenzen für alle Beteiligten sind kein Naturgesetz. Kurt vor der Jahrtausendwende summierte sich der deutsche Exportüberschuss auf rund 60 Mrd. Danach weiteten sich die Überschüsse deutlich auf nun mehr als 200 Mrd. Euro aus. Müsste der gesamte Leistungsbilanzüberschuss mangels Zahlungsfähigkeit der Handelspartner abgeschrieben werden wäre der jährliche Verlust größer als die jährlichen Einnahmen des Staates aus der Lohn- und Einkommensteuer.

Die Ausweitung der Exportüberschüsse kann nicht mit den Hartz-IV-Reformen begründet werden, weil sie deutlich vor deren Wirken einsetzte. Die Hauptursache ist vermutlich die Einführung des Euro. Der Euro macht deutsche Waren gemessen an ihrem Wert auf dem Weltmarkt zu billig und führt deshalb zu einer zu hohen Nachfrage. Was von Ökonomen und Politikern regelmäßig bejubelt wird bedeutet nichts anderes als dass Deutschland sich unter Wert verkauft.

Alle Angaben ohne Gewähr.

BankingPortal24.de
24.09.2013

Dieser Beitrag gibt den Sachstand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

Keywords: deutsche Wirtschaft, Leistungsbilanzüberschuss, Exportboom, Symbol der Stärke

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Kommentare:
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Merkantilismus schrieb am 26.09.2013 18:14:08

Eigentlich handelt es sich um eine Art Merkantilismus: Der Euro as strukturell zu schwache Währung wirkt wie eine Subvention von Exporten, die durch weniger Konsum bezahlt wird. Das Problem dabei ist die wachsende und in Deutschland geradezu irrsinnig hohe Abhängigkeit vom Außenhandel.




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