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Die Börse scheint die Krise zu vergessenAktienmärkte im Höhenrausch: Nicht nur Hoffnung treibt die Kurse
Von wegen Krise: Seit seinem Tiefstand vor gut einem Jahr konnte der Deutsche Aktienindex um satte 70 Prozent zulegen. Daran ändert nichts, dass auch optimistische Prognosen für die kommenden Jahre nicht mehr als eine flach verlaufende Konjunkturerholung erwarten lassen. Eine wichtige Triebkraft des Marktes ist der Mangel an Alternativen.
Die Kurserholung an den internationalen Aktienmärkten findet in einem Umfeld statt, das schlechter kaum sein könnte. Das Wirtschaftswachstum dürfte in den kommenden Jahren mager ausfallen, weil die Märkte weltweit noch immer unter Krisen-Folgen leiden. Darüber hinaus wird die hohe Staatsverschuldung die Volkswirtschaften rund um den Globus für lange Zeit schwächen.
Dennoch finden die Anleger an Aktien Gefallen. Ein Grund hierfür ist sicherlich das niedrige Zinsniveau am Bondmarkt sowie im Einlagengeschäft. Tagesgeld wird derzeit mit kaum mehr als 1 Prozent im Jahr verzinst, deutlich weniger als 1,5 Prozent zahlen Banken im Schnitt für Festgeld mit 12 Monaten Laufzeit. Nicht einmal 3,5 Prozent im Jahr werfen Bundesanleihen mit 10jähriger Laufzeit ab.
Mit vielen Aktien lassen sich höhere Mittelrückflüsse realisieren: Die Dividendenrendite vieler Unternehmen liegt über der Verzinsung von 10jährigen deutschen Staatsanleihen. Bei der Aktie der Deutschen Telekom sind fast 7 Prozent zu haben und beim Energieversorger RWE immerhin noch knapp 5,5 Prozent. Einige europäische Aktien bieten sogar noch mehr: Die Dividendenrendite der ENEL-Aktie beträgt 8,3 und die der France Telekom 7,95 Prozent.
Ein weiterer Grund für die starke Nachfrage am Aktienmarkt könnte die Angst vieler Anleger vor steigenden Inflationsraten in den kommenden Jahren sein. Die gigantisch angestiegene Staatsverschuldung in Europa, den USA und Japan könnte auf diese Weise zum Teil egalisiert werden. Entschuldungen der öffentlichen Haushalte über Geldentwertung hat es auch in der Vergangenheit immer wieder gegeben.
In der Tat finden sich Anzeichen dafür, dass auf höchster politischer Ebene das Ziel der Geldwertstabilität an Gewicht verliert. Der französische IWF-Ökonom Olivier Blanchard hatte vor einigen Wochen gefordert, das langfristige Inflationsziel der Europäischen Zentralbank von 2 auf 4 Prozent im Jahr anzuheben. Dadurch, so seine Argumentation, ließe sich die Neuverschuldung der Staaten bremsen und die Arbeitslosigkeit verringern.
Aktien können als Schutz gegen Geldentwertung dienen, wenn einige Voraussetzungen erfüllt sind. Insbesondere den Versorgertiteln (zu denen mittlerweile auch große Telekommunikationsunternehmen zählen) wird nachgesagt, in einem inflationären Umfeld durch ihre starke Marktposition steigende Preise an die Kunden weitergeben zu können. Das gilt auch für andere Unternehmen mit viel Marktmacht, wie etwa Coca-Cola.
Die wirtschaftliche Entwicklung der kommenden Jahre – und deren erwarteter Verlauf entscheidet über die Kurse von heute - jedenfalls kann die starke Marktentwicklung nicht rechtfertigen. Die deutschen Exportunternehmen werden unter der Schwäche wichtiger Handelspartner zu leiden haben. Die Inlandsnachfrage wird angesichts der zu erwartenden Steuer- und Abgabenerhöhungen in den kommenden Jahren und der weiterhin schleppenden Lohnentwicklung kaum zu einem ausgeprägten Aufschwung beitragen.
Ein weiteres Risiko für den Aktienmarkt betrifft finanziell angeschlagene Staaten. Nach Griechenland könnten schon bald auch andere Länder innerhalb und außerhalb der Eurozone unter ihrer Schuldenlast zusammenbrechen.
Der Aufwärtstrend des zurückliegenden Jahres jedenfalls könnte schon bald in eine Konsolidierung oder auch in neuerliche Kursrückgänge münden. Im Bewusstsein der Marktteilnehmer sind die langanhaltenden Auswirkungen der Krise noch nicht angekommen. Wenn die Angst vor Inflation auch am Bondmarkt ankommt und dort die Kurse unter Druck setzt (was gleichbedeutend mit höheren Zinsen ist), finden sich auch wieder Alternativen zum Aktienmarkt.
Konzentriert sich die Wahrnehmung der Marktteilnehmer dann auf die fundamentalen Rahmendaten, werden auch die Aktienmärkte einen Gang zurückschalten. Kurse können nicht über eine Krise hinwegtäuschen.
BankingPortal24.de
20.04.2010
Dieser Beitrag gibt den Sachstand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.
Keywords: Aktien, Aktienmärkte, Börse, Krise, Höhenrausch
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Kommentare:
Trader schrieb am 21.04.2010 16:08:20
Ach was. Mein - in den letzten Jahren - arg gebeuteltes Aktien-Depot freut es und mich auch ;-)
Pessimist schrieb am 20.04.2010 22:27:44
Ich finde es generell auffällig, wie optimistisch die Wirtschaft sind im Moment gibt. Früher wurde immer an allem gemäkelt und jetzt gibt der DIHK eine Wachstumsprognose ab, die deutlich über der Bundesregierung liegt. Ich glaube, dass sowohl im Hinblick auf den Fortbestand vieler kleinerer Unternehmen als auch für die Staatsfinanzen gilt: Nochmal abwärts geht nicht! Die ganze Planung ist doch darauf ausgelegt, dass der Rückgang des BIP im vergangenen Jahr ein einmaliger „Ausrutscher“ war. Dass die Krise die Konsequenz langfristiger Fehlentwicklungen ist und dass sich an diesen Entwicklungen nichts geändert hat (außer dass die Staatsschulden noch weiter angestiegen sind) wird ausgeblendet.


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